Die Geranie, die wachsen lernte
Wie aus schweren, starren Pflanzenmodellen eine Geranie wurde, die im Spiel Blatt für Blatt wächst.

Wer eine Gärtnerei führt, schaut seinen Pflanzen beim Wachsen zu. Im Gärtnerei-Simulator ging das lange nicht. Eine Geranie war entweder Jungpflanze, halb gewachsen oder ausgewachsen, und zwischen den Stufen wurde einfach das Modell ausgetauscht. Das hat mich schon länger gestört, und in diesem Beitrag erzähle ich, wie ich das geändert habe.
Der Besuch in der Versuchsgärtnerei
Angefangen hat es Anfang des Jahres mit einem Besuch in einer Versuchs- und Forschungsgärtnerei. Dort habe ich junge und schon etwas größere Geranien fotografiert, gefilmt und als Gaussian Splats aufgenommen. Das sind 3D-Aufnahmen aus vielen Einzelbildern, die man sich später am Rechner von allen Seiten anschauen kann.
Mich haben vor allem die Pflanzen auf halbem Weg interessiert, also nicht die fertige, blühende Geranie, sondern alles davor.
Die ersten Modelle
Aus diesen Aufnahmen sind meine ersten drei Geranien-Modelle entstanden, eins für jede Wachstumsstufe: eine Jungpflanze, eine halb gewachsene Pflanze nach etwa vier bis sechs Wochen und eine ausgewachsene, blühende Pflanze nach acht bis zwölf Wochen. Jedes Modell bestand aus einem einzigen Gitternetz mit einer Textur darüber, so ähnlich wie ein 3D-Scan. Blätter, Stiele und Blüten waren darin nicht voneinander getrennt.
Im Spiel stand dann je nach Wachstumsstufe eines dieser Modelle auf dem Tisch.

Das sah ordentlich aus, hatte aber zwei Nachteile. Die Modelle waren schwer. Die blühende zartrosa Geranie hatte 6.851 Eckpunkte, auf Englisch Vertices, aus denen die Grafikkarte die Form zusammensetzt. Weil die Textur in viele Stücke zerschnitten war und das Modell viele harte Kanten hatte, wurden im Spiel gut 24.000 daraus, denn an solchen Kanten muss die Grafikkarte Punkte doppelt anlegen. Bei einem vollen Pflanztisch kommt da einiges zusammen. Und wachsen konnten die Pflanzen auch nicht, sie sprangen einfach von einem Modell zum nächsten.
So lief das über Monate. Es hat funktioniert, aber richtig zufrieden war ich damit nie.
Wie ich auf VAT kam
Den Anstoß gab mir das Spiel Leafy Corner. Zu der Zeit hatte ich die meisten meiner Pflanzenmodelle schon, aber als ich die Pflanzen dort gesehen habe, wollte ich es bei mir auch so schön haben. Meine Pflanzen sollten wachsen wie echte, mit neuen Blättern, die klein und gefaltet erscheinen und sich nach und nach öffnen. Und das sollte auch mit vielen Pflanzen auf einmal noch flüssig laufen.
Bei meinen Recherchen bin ich dann auf Vertex Animation Textures gestoßen, kurz VAT. Ich vermute, dass es bei Leafy Corner so ähnlich gelöst sein könnte, und habe diesen Weg eingeschlagen.
Bei VAT berechnet man das Wachstum einmal vorab in Blender und legt es in einer Textur ab. Darin steht für jeden Eckpunkt der Pflanze, wo er zu welchem Zeitpunkt sitzt, und die Grafikkarte liest im Spiel die passende Form heraus. So können sich Hunderte Geranien ein Modell teilen und trotzdem unterschiedlich weit gewachsen sein.
Der erste Versuch
Mitte September habe ich die ersten Versuche in Blender gemacht. Technisch lief der erste Prototyp erstaunlich schnell. Er hatte 33 Zwischenstufen, lief in Unity und kam im Test auch mit 1.000 Geranien gleichzeitig zurecht. Nur sah er leider nicht nach Geranie aus.

Die Blätter lagen wie ein flacher, gleichmäßiger Kranz übereinander, und die Blütenstiele standen viel zu weit heraus.
Blatt für Blatt
Also habe ich mir zuerst das einzelne Blatt vorgenommen. Zur Wahl standen drei Formen: weich, gewellt und gefaltet. Ich habe mich für das gewellte entschieden und ein paar gefaltete dazwischengesetzt, weil echtes Geranienlaub nicht glatt ist, sondern Wellen und kleine Falten hat.

Daraus ist eine neue ausgewachsene Geranie mit 26 Blättern entstanden. Die älteren und größeren sitzen außen und hängen leicht, die jungen oben. Dazu kommen zwei kompakte Blütendolden und ein nickender Knospenstand. In einer zweiten Runde haben die Blätter feine Adern, etwas Farbspiel und das dunklere Band bekommen, nach dem die Zonal-Geranie benannt ist. Die Einzelblüten wurden runder und die Knospen praller.


Im Spiel kommt die neue Geranie mit rund 4.500 Vertices aus, die alte blühende hatte gut 24.000.
Wachsen lernen
Beim Wachstum habe ich es mir bewusst einfach gemacht. Gebaut wird nur die fertige, blühende Pflanze. Alles davor entsteht, indem genau diese Pflanze kleiner wird und sich zusammenfaltet, ein bisschen wie ein Film, den man rückwärts abspielt. Ein junges Blatt ist also dasselbe Blatt wie später, nur winzig und an der Mittelrippe zusammengeklappt. Mit der Zeit wächst es aus seinem Stiel heraus und faltet sich auf. Die Blüten fangen als geschlossene Knospen an und gehen von außen nach innen auf.


Bis das natürlich aussah, hat es vier Anläufe gebraucht. Im ersten begann die Pflanze als flache Rosette statt als Jungpflanze, und die geschlossenen Blüten standen auf langen Stielchen ab. Das Ganze sah aus wie eine Pusteblume.
Im zweiten Anlauf startete sie endlich als Jungpflanze, mit kräftigen Trieben und fünf Blütenstielen, an denen schon in der Mitte des Wachstums die ersten Knospen saßen. Dafür wuchs der große Pflanzenkörper jetzt direkt aus der Erde statt aus der Jungpflanze.
Im dritten kam er dann aus der ersten Verzweigung der Jungpflanze. Nur schossen am Anfang zu viele Blätter auf einmal heraus.
Im vierten kam ein Blatt nach dem anderen, am Anfang langsamer. Am unteren Teil der Jungpflanze, der ja in der Erde steckt, treibt nichts aus. Und die Blattstiele wachsen im Bogen nach oben, so tauchen junge Blätter oben auf und senken sich erst später ab. Damit war ich zufrieden.


Im Spiel
Am 24. September stand die erste wachsende Geranie im Spiel auf dem Pflanztisch, eine zartrosa. Am Spielablauf ändert das nichts. Es gibt weiter drei Wachstumsstufen, und ihr müsst die Pflanzen mit Wasser und Dünger durchbringen. Zu sehen ist das Wachstum jetzt aber ohne Sprünge. Wenn ihr eure Geranien vernachlässigt, seht ihr ihnen das weiterhin an, und im Koop sehen alle am Tisch dieselbe Pflanze gleich weit gewachsen.
Für die Grafikkarte ist die wachsende Geranie im Testaufbau kaum teurer als die alten Modelle. Messungen im fertigen Spiel auf verschiedenen Rechnern mache ich noch.
Mehr Sorten
Danach ging es schnell. In den Tagen darauf kamen Korallrot, Pink, Weiß, Weiß mit rosa Auge und Hot Pink dazu. Jede Sorte hat ihre eigene Form mit eigenen Blütenstielen, eigener Laubfarbe und Größe, wächst aber nach denselben Regeln. Damit ein Tisch nicht wie kopiert aussieht, unterscheiden sich auch die Pflanzen einer Sorte. Mal ist eine etwas größer oder kleiner, mal sind die Stiele anders gedreht, mal hat sie einen Nebenstiel mehr oder weniger.
Die korallrote gibt es außerdem in drei Laubformen, und jede Pflanze auf dem Tisch bekommt fest eine davon.

Nicht jede Sorte hat auf Anhieb gepasst. Bei der weißen habe ich Fassungen mit drei und mit vier offenen Dolden nebeneinandergestellt und mich für vier entschieden.

Wie es weitergeht
Nach dem Vorbild der Geranie wachsen inzwischen auch Petunien, Verbenen, Husarenknöpfchen, Studentenblumen, Fuchsien, Neuguinea-Impatiens und Rosen. Für die meisten gab es gar kein altes Modell mehr, sondern nur Fotos und Videos von echten Pflanzen. Beim Husarenknöpfchen habe ich zum Beispiel die Blütenblätter mehrmals versetzt, ihnen Tiefe gegeben und sie runder gemacht, bis die Form gepasst hat. Davon erzähle ich in einem der nächsten Beiträge.
Fragen oder Anmerkungen? Schreibt mir gern an info@gaertnerei-simulator.de.

















